Lucky´s Abenteuer – der Rückzug der Igel

Lucky hat noch nie solch eine Nase gesehen und fragt verdutzt: „Wer bist denn du?“

Lucky tritt unruhig auf der Stelle. Das trockene Stroh knistert unter ihren Hufen. Sie hebt den Kopf und blickt zum Stallfenster, wo sich weißgoldene, milde Sonnenstrahlen durch das Glas bis hin zu Lucky kämpfen. Jede Berührung lässt ihr schwarzes Fell wie Seide glänzen. Da erreicht sie die frische Brise des Morgens. Nun packt sie die Vorfreude mit voller Wucht. Sie sieht sich praktisch schon auf der saftgrünen Weide herumtoben. Lucky wiehert. Bestimmt ist es bald soweit. Doch die Ungeduld lässt ihr keine Ruhe, denn in den letzten Tagen zeigte sich der November äußerst grau in grau. Zulange musste sie auf diesen Moment warten. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich lautstark bemerkbar zu machen. Da zieht sie ihren nächsten Laut so lange wie möglich hinaus. Der Ruf soll jedoch nicht ihrer Mutter Queeny oder ihrem Onkel Icy gelten, sondern ihrer zweibeinigen Familie, die zu ihrem Leidwesen im großen Haus und nicht im Stall leben. Nur sie können das Tor zur Freiheit öffnen.  

Es dauert noch lange 30 Minuten, bis Lucky voll und ganz die frische Luft ihrer bergigen Umgebung einatmet. Auf dem Weg zur Koppel betrachtet sie die grünen Wiesen, die voller bunter Blätter sind. Die feinen Wassertropfen des Morgentaus glitzern auf ihrer Oberfläche. 

Es ist ein toller Morgen, als sich das Gatter hinter Lucky schließt. Sofort springt sie in die Höhe und tobt wild herum. Sie genießt jede Bewegung. Ihre schwarze Mähne weht majestätisch mit dem Wind. Es ist wunderbar. Da sieht sie aus dem Augenwinkel heraus etwas braunes Kleines im Laub liegen. Sie bleibt abrupt stehen, worauf ihre Hinterfüße den Hang hinabrutschen. Nur mit viel Kraft kann sie sich auf den Beinen halten.  

Lucky trifft Flauschi den Igel

Neugierig dennoch vorsichtig geht sie Schritt für Schritt auf einen kleinen Laubhügel direkt am Zaun zu. Eine lange dünne Nase spitzt aus den nassen Blättern hervor. Lucky hat noch nie solch eine braune, rau behaarte Nase gesehen und fragt verdutzt: „Wer bist denn du?“ 

            Prompt rollt sich der Igel wie eine Kugel zusammen. Nur noch sein aufgerichtetes Stachelkleid ist zu sehen. Dabei stehen die dunkelbraunen, fast schwarzen Spitzen steil in Richtung Lucky. 

            „Eh, was machst du?“, fragt Lucky nun mehr als verwirrt. 

            Da streckt der Igel ein Auge heraus, das vollkommen schwarz wirkt. Der kleine Kerl blickt zu Lucky hinauf.  

            Lucky versucht so gut es geht zu Lächeln. Auch wenn Lucky eine gesellige, junge Stute ist, muss sie die soziale Kommunikation mit anderen Tierarten erst noch lernen.            

Doch dem Igel reichen Luckys warme, zutrauliche Augen. Er rollt sich aus. Mit einem herzhaften Gähnen rumort er: „Ich bin Flauschi!“  

Lucky schnaubt mehrfach.  

            „Du lachst über meinen Namen?“ 

            „Na ja, flauschig siehst du ja nicht gerade aus.“ 

            Der Igel lacht kurz auf. „Nein, wir sind eher stachelig.“ Dann gähnt er mit einem glucksenden Muckern. „Wir schlafen am Tag und sausen nachts durch die Gegend.“ 

Lucky wundert sich über das stark blubbernde Geräusch, das aus seinem Mund kommt. Dennoch nickt sie verstanden zu haben. 

„Weißt du, dass ich bis zu 6.000 Stacheln auf dem Rücken habe?“ Der Igel pustet Luft aus und fügt hinzu: “Einmal, wenn ich erwachsen bin. Ich bin ja erst im Frühsommer auf die Welt gekommen.“   

            „Aha.“ Lucky hat keine Ahnung, wie lange das her ist. „Ich habe dich noch nie gesehen oder einen deiner Artverwandten.“ 

„Ich kenne dich schon. Meine Familie und ich wohnen in der Nähe von deinem Stall. 

Wenn wir auf Futtersuche gehen, kämmen wir die ganze Umgebung nach Käfer, Raupen und Regenwürmer ab. Schnecken“ – er verzieht seinen Mund – „mag ich gar nicht. Und da habe ich dich, deine Mutter und den Wallach schon ein paar Mal im Stall oder im Hof oder auf der 

Koppel gesehen.“ 

            Lucky schnaubt fröhlich. Da senkt der kleine Igel seinen Kopf und schließt die Augen.

Eine Träne läuft über seine Wange.  

   „Was ist denn los?“ Lucky ist besorgt. 

             „Wir haben dort gelebt. Meine Familie hat sich an einem anderen Ort ein Nest für den 

Winterschlaf gebaut. Bald ist es ja soweit und da … da …“ 

            „Da?“

            „Da bin ich noch einmal zurück zu unserem alten Nest …“   

            Lucky unterbricht: „Weils bei uns so schön ist, stimmts?!“ 

„Und uns keine dicken Zäune und Betonmauern den Zutritt zur Wiese verweigern. Die 

Menschen verdrängen uns mehr und mehr aus ihren Gärten. Obwohl es dort aber tolle 

Winternestbauplätze gäbe.“ Plötzlich zuckt Flauschi zusammen. „Und die Ramähro!!!“ Ein kalter Schauer läuft ihm über den Rücken.

            „Ramähro?“ 

           

                     

            „Die Mähroboter der Menschen! Die kreisen echt gruselig über den Rasen. Wenn sie uns zu nahekommen, können sie uns ganz schön arg verletzen. Vor allem nachts sind sie eine echte Bedrohung für unser Leben.“

 Lucky stößt angewidert von solchen Geräten einen kehligen, tiefen Ton aus. „Eh, und jetzt?“ 

„Und jetzt finde ich meine Familie nicht mehr.“  

            Lucky wiehert vor Entsetzen laut auf. Ohne ihre Mutter, ihren Onkel und ihre zweibeinige Familie wäre sie in dieser Welt verloren. „Hm, warum findest du sie nicht mehr? 

Weit können sie ja nicht weg sein, oder?“ 

            „Du hast schon recht. Wir haben super ausgeprägte Sensoren.“ 

„Sensoren?“ Lucky hat keine Ahnung, was das bedeutet. 

„Na unser Geruchs- und Gehörsinn!“ 

Lucky nickt. „Wir Pferde haben auch einen hervorragenden Geruchssinn und hören können wir super gut! Deshalb mögen wir auch keine lauten Geräusche.“ Lucky schnaubt. 

„Mit deinen Sensoren müsstest du doch deine Familie im Nu wiederfinden?“ 

„Die Suche ist gefährlich. Um einen neuen Nestplatz zu finden, müssen wir weit laufen und dabei Straßen überqueren. Die Höllengefährte machen mir Angst, weil sie meinen … meinen …“ Flauschi bricht in Tränen aus. 

            „Du meinst die Autos?“ 

            „Ja. So ein Auto hat meinen Bruder, meinen Onkel und meine Cousine überfahren. Tod!“  

            Lucky zuckt zusammen. Auf keinen Fall will sie Flauschi dieser Gefahr aussetzen. Aber wie kann sie ihm helfen? Da sprudeln die Ideen nur so durch ihren Kopf. „Was, wenn Annika ein Winterschlafhaus für euch baut?! Bei uns im Stall oder besser draußen, da habt ihr eure Ruhe.“ 

Flauschi gluckst aufgeregt.  

            „Ein innen trockenes Holzhaus mit Heu oder Stroh oder Laub oder Moos. Ihre Eltern helfen ihr bestimmt.“  

            „Toll! Hm, aber erstmal muss ich meine Familie finden.“ 

            „Stimmt!“ Lucky bläst lautstark Luft durch die Nase. „Okay, wenn Annika von der 

Schule heimkommt, gehen wir die Sache an!“ 

Der Igel schüttelt den Kopf. „Wie, bitte, willst du das tun?“ 

            „Annika und ich sind Seelenverwandte! Sie versteht mein Verhalten sehr gut. Ruh dich noch ein bisschen aus. Die Sonne ist noch nicht auf der Position, wo sie normalerweise ist, wenn Annika nach Hause kommt.“  

Flauschi nickt und schließt seine Augen. Er schläft sofort ein.  

Flauschi hört Luckys Hufe auf den Boden treffen und öffnet verschlafen die Augen. Er erschrickt heftig. Direkt vor ihm kniet ein junges dennoch großes Mädchen mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen.  

            „Das ist Annika, Flauschi!“, erklärt Lucky sofort. 

Flauschi atmet tief durch. Sein Magen knurrt. 

Lucky quietscht, worauf sich Annika nach ihr umdreht. „Ich verstehe schon.“  

Und sie versteht wirklich, weil sie schon vor Tagen bemerkte, dass die Igelfamilie nicht mehr da ist. Der kleine Kerl muss ausgebüxt sein.  

            „Igel, bleib hier, wir kommen bald wieder“, versichert Annika. Kurz darauf geht sie gefolgt von Lucky zurück zum Hof. Sie legt Lucky ein Halfter um und nimmt sie am Führstrick. Dann gehen sie beide auf die Suche, aber nicht bevor sie Flauschi eine Schüssel mit Brot und Milch und dazu noch ein wenig vom Katzenfutter ihrer Katze Schmauli auf das Laub stellt. Jungigel müssen sich für den Winterschlaf besonders viele Fettreserven als Kälteschutz und Nahrungsvorrat anfressen.    

Lucky führt Annika Schritt für Schritt an. Ihr stark ausgeprägter Geruchssinn und ihr doppelt so gutes Gehör machen für sie die Suche einfacher als für die Menschen. Außerdem weiß sie, wie Flauschi riecht und kennt seine eigenartigen Geräusche, die von Schmatzen, Knacken, Niesen, Fauchen, Knurren bis hin zum Schnarchen führen.  

Auch Annika weiß, dass ihr Lucky genau deswegen eine große Hilfe bei der Suche ist.  

Nach einer langen Weile riecht Lucky einen ähnlichen Igelgeruch und vermutet, dass es Flauschis Verwandte sind. Sie stellt sich vor Freude auf die Hinterbeine und wiehert. Doch dann hört sie ein immer lauter werdendes Knurren. Es signalisiert ihr, dass ein Igel ihre Witterung aufgenommen hat und sie beide mit einem deutlichen „Bleib weg von uns!“ vom 

Nest fernhalten will. Nichtsdestotrotz nähern sie sich einem Laubhaufen direkt an einer Hecke, der über einer Erdmulde liegen muss. Dürre Brombeerranken umgeben die Blätter, woraus zwei Igelnasen spitzen.  

Je näher sie kommen, desto lauter Knurren die beiden Igel. Dann, wie von der Tarantel gestochen, rollen sie ihren Körper ein, wobei das Laub in alle Richtungen fliegt. 

Lucky erschrickt im ersten Moment. Doch dann holt sie tief Luft und meint: „Keine Angst. Flauschi sucht euch. Kommt mit, Annika wird euch ein Winterhaus auf dem Hof bauen.“     

Die Igel sind misstrauisch. Trotzdem kennt die Stute Flauschi?! Sie rollen sich langsam aus, worauf noch mehr Igelnasen aus dem Laub spitzen.  

Annika streicht Lucky über den Hals: „Gut gemacht!“ Gleich darauf wendet sie sich den Igeln zu. „Kommt mit zu mir nach Hause. Dort wird es euch gut gehen.“ 

            Wow! Schon wieder einmal hat Annika ohne Worte verstanden. Lucky ist so stolz auf ihre Lieblingszweibeinerin.  

Danach gehen sie gefolgt von fünf Igeln in Richtung Hof. Sie müssen mehrere Straßen überqueren. Doch mit Annikas Hilfe schweben sie niemals in Gefahr. Ziemlich beweglich marschieren die Igel über kleine Hindernisse hinweg und das schneller, als Lucky gedacht hätte.  

Annika, Lucky und die Igelfamilie

            Im Hof beginnen Susi und Freddy derweilen mit dem Bau vom Schlafhaus der Igel. Für den Boden nehmen sie als Kälteschutz ein besonders dickes Holzbrett her. Dann messen sie die Seitenwände und Trennwände aus. Mehr und mehr nimmt es Gestalt an. Pauli, der Hofhund, schnüffelt derweilen neugierig am Holz.  

Das Geräusch einer Säge und das Hämmern lässt Lucky schon von Weitem mit Freude wiehern. Sie kann es kaum erwarten, das Igelhaus zu sehen. Doch als sie ankommen, sieht Lucky ein halbfertiges Häuschen und eines in Produktion. Zwei Igelhäuser?! 

Da rennt Flauschi auf seine Familie zu. Ihre Nasen berühren sich zur Begrüßung abwechselnd.  

Annika packt ebenso mit an, doch nicht bevor sie Lucky und die Igel in den Stall bringt. Dort muss Lucky sofort ihrer Mutter und ihrem Onkel Bericht erstatten. Die Igel fressen derweilen ein wenig von Schmaulis Futter, die darüber so gar nicht erfreut ist. Trotzdem lässt sie vorsichtshalber den stacheligen Kameraden den Vortritt.  

Es ist schon dunkel, als das kleinere Futter- und das größere Schlafhaus fertig sind. 

Annika wählt eine besonders schöne und unter dem Stalldach geschützte Stelle dafür aus. 

Zudem zeigt der Eingang direkt in einen Strauch, der als Schutz von oben dient.  

Gleich darauf ziehen die Igel ein, beobachtet von sechs Menschen- und Pferdeaugen.  

Lucky wiehert vor Freude. „Ich wünsche euch einen super Winterschlaf.“ 

„Wir müssen uns schon noch ein bisschen Speck anfressen, bevor wir voll und ganz in unsere innere Welt eintauchen“, erwidert Flauschis Vater.  

Da erwähnt Susi: „Wisst ihr, die Igel stehen auf der roten Liste.“ 

Rote Liste? Lucky hat keine Ahnung, was das bedeutet.  

Doch Annika antwortet: „Ach, Mama, die Igel dürfen nicht aussterben! Und das nur, weil wir Menschen ihnen den Lebensraum wegnehmen. Deswegen müssen sie weite Strecken laufen und dabei werden sie reihenweise überfahren. Das ist furchtbar!“ 

Lucky versteht, auch wenn es ihr nicht gefällt. Dann wiehert sie laut auf und sagt zu ihren neuen tierischen Freunden: „Wie gut, dass es Menschen gibt, die Igeloasen bauen, Futter bereitstellen und euch liebhaben.“ Sie hebt ihre Nüster in die Höhe und blubbert: „Wie gut, dass es meine Mama, meinen Onkel, Annika, Susi und Freddy gibt, die ich so liebhabe, und natürlich, Pauli und Schmauli.“ 

Annika umarmt Luckys Hals und küsst sie sanft auf die Wange. 


Das nächste Abenteuer mit Lucky und ihrer Familie erscheint im März 2023.


Eine Kindergeschichte von Yvonne Reiter.
Bilder von Magdalena E.

Näheres zu den beiden kannst du hier nachlesen.

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